Über ein verpöntes Gefühl, das eine Renaissance verdient.

 

Die Wut genießt in unserer modernen Gesellschaft keinen besonders guten Ruf. Wer sie zeigt, gilt schnell als schwach, egoistisch oder stur. Gerne wird sie als „Übel“ kindlicher Autonomiebestrebungen verstanden.
Wir sprechen von blinder Wut, von Sich-nicht-unter-Kontrolle-Haben, nötiger Therapie, von Wutbürgern, von Gewalt, die sie mitunter nach sich zieht. Kurzum: Wut ist alles andere als sozial erwünscht, weil unbequem und Handlungen fordernd. Am besten sofort.

Nur ist unsere menschliche Gefühlswelt leider – oder Gott sei Dank – kein Ponyhof. Neben Freude und Überraschung begleiten uns Trauer, Wut, Verachtung, Angst und Ekel durch unser menschliches Dasein. Viele Gefühle anderer können wir leicht von uns abgrenzen. Mit der Wut fällt diese Abgrenzung schwerer. Wenn wir sie aber ignorieren, steigert sie sich eher noch, als dass sie verpufft. Außerdem will sie uns ja etwas sagen.

Das Konstruktive an der Wut

Sie zeigt uns zum Beispiel Grenzen auf, Kränkungen oder Situationen, die als ungerecht empfunden werden. Sie macht deutlich, dass etwas für uns absolut nicht in Ordnung ist. Sie funktioniert wie ein Warnsignal, das unseren Körper in Angriffsmodus versetzt und uns am liebsten auf den*die Auslöser* in lossprinten lässt. Zugegeben, das ist eine eher ungünstige Begleiterscheinung. Aber Wut befeuert auch Energie und Motivation, die freigesetzt wird, um (möglichst konstruktive) Lösungen zu finden.

Wenn wir Wut nicht als reines Dampfablassen verstehen, sondern als imaginäres Stoppzeichen, dann können wir einen Moment innehalten und uns fragen: Woher kommt die Wut und was will sie mir sagen? Was soll sich ändern? Damit lassen sich auch Beziehungskonflikte leichter lösen.
Wut kann uns motivieren, Veränderungen herbeizuführen, Entscheidungen zu treffen und Neues zu schaffen. Das betrifft zwischenmenschliche Beziehungen genauso wie soziales Engagement, die Kunst oder praktische Erfindungen. Wut kann eine positive Antriebskraft sein.

Aus Ohnmacht kann Ermächtigung werden. Wütende Menschen sind optimistischer als ängstliche, sie blicken nach vorne, sie wollen Veränderung. Es sind auch wütende Menschen, die sich jeden Tag für Menschenrechte, für Frieden, Gleichstellung, Barrierefreiheit, die Umwelt, bessere Arbeitsbedingungen oder Gewaltprävention einsetzen. Wütende Menschen haben die Aufhebung der Rassentrennung und das Frauenwahlrecht erkämpft, #aufschrei und #MeToo initiiert.

Wut ist für alle da

Angeblich steht Frauen die Wut übrigens schlechter. Anliegen sollten sie freundlich und lächelnd vortragen, alles andere wird gerne als peinlich, hysterisch, emotional oder hormonell bedingt gewertet. Wut scheint eher ins Klischee des typischen „aggressiven“ Mannes zu passen, der je nach Situation, leidenschaftlich, durchsetzungsstark, im schlimmsten Fall cholerisch genannt wird. Die Wut wird seiner Karriere nicht schaden. Wütende Frauen sind hingegen noch immer Schlagzeilen wert. Dabei brauchen wir wütende weibliche Vorbilder. Wenn wir zusätzlich noch die Wut unserer Mitmenschen ernst statt persönlich nehmen, können wir obendrein einen Beitrag zur Gewaltprävention leisten. Wut ist anstrengend, klar. Aber sie ist zutiefst menschlich und ein (zugegeben verqueres, aber konstruktives) Kommunikationsgeschenk unserer Kinder, Jugendlichen, Partner*innen, Freund*innen und Kolleg*innen. Von ihr lernen wir mehr als von einem „Passt eh“.

 

Dieser Text wurde im HELDINNENHEFT veröffentlicht und in einer englischen Version auf about-sexeducation.com.

Wut_Heldin_Magazin original

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