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Warum Farbe kein Geschlecht kennen sollte und es an der Zeit ist, sich vom gesellschaftlich zementierten, binären Farbcode für Buben und Mädchen zu verabschieden.

Im Leben von Kindern spielen Farben eine entscheidende Rolle. Vor allem für die Erwachsenen.

Dabei spaltet keine Farbe die Gemüter so sehr wie Rosa. Je nachdem, von wem sie getragen wird, ist sie mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Kleiden sich Mädchen in Rosa, reichen die Assoziationen von „richtiges Mädchen“ über „Prinzessin“ bis „tussig“. Fällt die morgendliche Kleiderauswahl eines vierjährigen Buben auf rosa Leggins, fragen Erwachsene gerne nach, ob es eine ältere Schwester gebe, bezeichnen die Eltern des Jungen als fortschrittlich und emanzipiert – oder aber stellen gar die Befürchtung in den Raum, dass damit die sexuelle Orientierung des Kindes beeinflusst werden könne.

Dabei unterliegen Farben – und Kleidungsstücke generell – Trends und kulturellen Gegebenheiten. Während lange Haare noch immer als typisch weiblich gelten, fuhren uns Abbildungen von Heiligen, Rittern und Knappen aus dem Mittelalter, Fotos von Hippies und Hipstern, aber auch aktuelle Fantasy- und Wikingerserien vor Augen, dass Wallemähne und Zopffrisuren kein Geschlecht kennen. Hosen wiederum gelten als Männerdomäne. Dabei tragen in vielen Ländern Männer Kleider, Röcke oder Sarongs. Für Frauen hingegen galten Hosen noch vor wenigen Generationen als anstößig. Heute macht nicht einmal mehr die Lederhose vor der Damenabteilung im Trachtengeschäft halt. Bei Farben verhält es sich kaum anders. Mancherorts ist Weiß die Farbe der Trauer, andernorts Schwarz. Blau wurde lange der Mutter Gottes zugeschrieben (= weiblich) und Rot dem Herrscher – man denke an den typischen Umhang des Königs aus dem Märchenfilm. Inden 1980ern gab es noch Holzspielzeug und buntes Lego für alle Kinder. Heute gibt es zwei nach Farben getrennte Lager: die luftig-leichte liebliche Rosa-Lila- Seite steht der dusteren Dunkelblau- Schwarz-Braun-Fraktion gegenüber. Wagen sich Textilketten mutig an den Farbentausch, markieren sie die Kleidungsstücke von Kindern gerne mit „eindeutigen“ Symbolen und Tiermotiven wie Erdbeeren, Kätzchen und Schmetterlingen sowie Monstertrucks, Haifischen und Dinosauriern. Erwachsene dürfen sich übrigens Flamingos, Ananas und Alpakas aussuchen. Diese sind weniger geschlechtergebrandet.

Überhaupt sind ihre Kleiderschränke vielfältiger als die der Kinder. War das nicht mal umgekehrt? Rosa jedenfalls ist weder gut noch schlecht. Denn die Geschlechtsidentität entwickelt sich mit und ohne Farbe auf vielfältige Weise. Auch Kinder mit gelber, grüner, oranger und türkiser Kleidung verhalten sich manchmal wie Prinzessinnen* Prinzen oder Rabauk*innen. Neutrales Spielzeug und Gewand zu kaufen, ist oft zeitintensiver und teurer als im Laden um die Ecke. Dafür müssen wir uns aber mehr damit auseinandersetzen, was einem Menschen wirklich gefällt und wofür er sich interessiert. Vermutung und Klischee fallen dann automatisch weg. Und wenn Rosa, Tüll und Glitzer überhandnehmen? Es folgt eine beliebte Antwort für Eltern: Alles nur eine Phase! Wenn Mädchen sich in Rosa wohlfühlen, weil sie sich als Mädchen identifizieren und gelernt haben, dass diese Farbe und Mädchensein irgendwie zusammenhängen, ist das doch schön. Und wenn Buben Glitzer und Rosa toll finden, dann sei es so.

Kein Rosa ist auch keine Lösung. Und Schmetterlinge sind im Übrigen auch nur Insekten.

Dieser Text wurde im HELDINNENHEFT veröffentlicht.