Medial sind wir derzeit sehr präsent.

In der 10. Ausgabe (2/2017) der FPÖ-Zeitung „Wir Steirer“ wurde kürzlich mit einem doppelseitigen Artikel, viel Bildmaterial und einem Kommentar der Landtagsabgeordneten Liane Moitzi auf Sexualpädagogik aufmerksam gemacht.

Wir haben dazu eingeladen, mit uns persönlich zu sprechen und uns kennen zu lernen. Bisher wurde keine Einladung angenommen.

 

Es bedarf einiger Richtigstellungen und Klarheit.

Wir sind zutiefst betroffen, über die (Bild-)Sprache in diesem Artikel zum Thema Sexualpädagogik und möchten dies nicht unkommentiert stehen lassen.

 

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Eltern spielen eine wichtige Rolle

„Immer häufiger ist es der Fall, dass Aufklärung weg von Eltern und Schule hin zu dubiosen Privatvereinen verlagert wird“
„Diese sollte in erster Linie Aufgabe der Eltern sein“

liebenslust* unterstützt es, dass Aufklärung auch im Elternhaus stattfinden soll. Wir begrüßen es sehr, wenn das Thema sowohl zu Hause bei den Eltern als auch in der Schule Platz hat. Wenn Heranwachsende ein offenes Klima und Bezugspersonen vorfinden, an die sie sich vertrauensvoll und ehrlich wenden können ohne abgewertet zu werden, umso besser:

  • Es sinkt dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer von sexualisierter Gewalt werden und
  • es steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbstbestimmte und selbstbewusste Entscheidungen treffen (beispielsweise mit Sex zu warten bis es für einen selbst passend ist und sich von Gleichaltrigen oder Beiträgen in den Medien nicht unter Druck setzen zu lassen).

liebenslust* kann in einem 5-stündigen Workshop auch nicht das leisten, was Eltern und Bezugspersonen tagtäglich vollbringen können.

liebenslust* ersetzt weder den Aufklärungsunterricht in Biologie noch die ethischen Diskussionen in den Fächern Religion, Ethik oder soziales Lernen. Im Idealfall findet parallel zu den Auseinandersetzungen zum Thema Sexualität im Regelunterricht ein Workshop statt und bietet Raum für alles, was manche Schüler*innen nicht mit ihren Lehrer*innen, Eltern und Bezugspersonen besprechen können oder wollen oder manche Eltern und Lehrer*innen nicht mit ihren Kindern bzw. Schüler*innen besprechen können oder wollen.

Sexualerziehung als Unterrichtsprinzip

„fragwürdige Sexualerziehungstechniken“

Auch der neue Erlass zur Sexualerziehung vom Bundesministerium (2015) als Unterrichtsprinzip in Schulen führt an, dass es willkommen ist, sich zur Unterstützung bzw. zur umfassenden Behandlung dieses Themas externe Expert*innen in die Schule einzuladen. Diese haben sich eine ganze Ausbildung lang mit Sexueller Bildung beschäftigt,

  • um mit Heranwachsenden behutsam,
  • mit entsprechenden didaktisch wertvollen Methoden und Anschauungsmaterial und
  • auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen und
  • Kenntnis aktueller Entwicklungen
  • professionell zu arbeiten bzw. sie professionell unterstützen zu können.

 

liebenslust* als dubios zu bezeichnen (später auch als obskur), scheint uns dubios.

  • Wir sind als gemeinnütziger und nicht-gewinnorientierter Verein im zentralen Vereinsregister eingetragen.
  • Wir arbeiten mit der Karl-Franzens-Universität zusammen,
  • führen an den Pädagogischen Hochschulen Steiermark und Oberösterreich Weiterbildungen von Lehrer*innen durch, welche durch das Bundesministerium (Bildung) finanziert werden und
  • tauschen uns in Netzwerken mit anderen Vereinen aus, die ebenfalls Workshops an Schulen zum Thema Sexualität anbieten.
  • Unsere Workshopreferent*innen sind qualifizierte Personen aus den Fachbereichen Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Geschlechterforschung und Psychotherapie.

 

Wir verstecken nichts. Wir verschweigen nichts. Wir tabuisieren nicht.

„die kürzlich bekannt gewordenen Methoden des Vereins“

Es lässt vermuten, dass das wahre Interesse an unseren Methoden nicht vorhanden ist. Das vermuten wir, weil wir nie danach gefragt wurden. In den Schulen in denen ein Workshop durch liebenslust* geplant ist, wird die Möglichkeit angeboten, einen Elternabend zu veranstalten. Es wird immer eine Elterninformation mit allen relevanten Informationen der Schule/Institution zur Verfügung gestellt.

Es scheint, dass dieses Medienaufsehen nicht durch unsere Methoden, sondern durch Materialien – um genau zu sein die Genitalien aus Gips und Stoff – erregt wird. Diese sind seit längerem auf der Webseite des Vereins zu sehen.

„Gipspenissen und Genitalien aus Stoff“
„versuchen, „spielerisch“ beizubringen, wie Sexualität „funktioniert“

Genitalien aus Stoff oder Gips werden bei Bedarf und je nach Gruppe in Workshops eingesetzt,

  • um Körperanatomie zu erklären,
  • Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen und
  • gegebenenfalls zu zeigen, wie ein Kondom benutzt werden kann.

Ja, wir verwenden – wie alle anderen sexualpädagogisch tätigen Personen auch – Materialien. Übrigens verwenden sogar Hebammen Genitalien aus Stoff in Geburtsvorbereitungskursen.

Ganz nebenbei bemerkt: Wir wissen aus den Rückmeldungen der Jugendlichen, dass sie bereits Genitalien gesehen haben – in Schulbüchern, im Internet, bei sich selbst.

„Die Modelle zeigen einen fließenden Übergang zwischen weiblichen und männlichen Genitalien und zahlreiche intersexuelle Formen“

Jede*r der*die sich mit menschlicher Embryonalentwicklung beschäftigt, weiß, dass sich Genitalien von Männern und Frauen aus der gleichen Anlage entwickeln, und zwar in den meisten Fällen entweder in Richtung Vulva oder Richtung Penis mit Hodensack. Was bei der einen zur Klitoris wird, wird beim anderem zum Penisschafft, was bei dem einen zum Hodensack wird, werden bei der anderen die großen Scheidenlippen. Das ist eigentlich biologisch-medizinisches Basiswissen.

Etwa 1-2 Personen von 100 sind auf die eine oder andere Weise zwischengeschlechtlich, bei manchen wird dies bereits bei der Geburt festgestellt. Etwa 1 von 2000 Babys kommt nämlich mit einem intersexuellen Genital zur Welt. Das heißt, es hat weder ein eindeutig männliches noch weibliches Geschlecht. Um Betroffene zu entlasten und aufzuklären wird Intersexualität im Workshop zum Thema gemacht, wenn Fragen kommen wie zB  „Was sind Zwitter?“, „Was bedeutet Intersexualität, was bedeutet Transsexualität?“. Wie wichtig diese Aufklärung ist, zeigte kürzlich auch die ORF-Sendung am.schauplatz.

„Es geht also um die gezielte Verwirrung der Kinder bezüglich ihrer geschlechtlichen Identität“

Nein, darum geht es nicht! Heranwachsende sind durch diese Erklärungen nicht verwirrt, sondern es wird ihnen verständlich, warum es zwischengeschlechtliche Menschen gibt.

Stattdessen sind sie vielmehr verunsichert, ob sie denn ein „richtiger Mann“ oder eine „begehrenswerte Frau“ sind, wenn ihr Genital nicht den Normen entspricht, die sie möglicherweise in pornografischen Darstellungen zu sehen bekommen. Die Genitalien aus Gips zeigen, dass wir vielfältig sind, so wie wir alle beispielsweise unterschiedliche Zehen und Finger haben.

Mythenbildung ohne Fakten

„laut eines namhaften Experten auch Verbindungen zu berüchtigten genderideologischen Netzwerken“

Mit der Kritik an der zeitgemäßer Sexualpädagogik oder der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ werden im selben Atemzug Menschen und Strategien diffamiert, die sich für Geschlechtergerechtigkeit (nein nicht Geschlechtergleichmachungseinheitsbrei) einsetzen.

Von welchen berüchtigten genderidiologischen Netzwerken der namenlose Experte spricht, bleibt offen. Wir wissen nichts genaues, können also nur vermuten: dieser Beitrag könnte ein Teil eines rechtkonservativen Netzwerkes sein. Dies zeigt sich vor allem in den teilweise sogar wortwörtlich übernommenen Passagen von anderen Quellen, die der gleichen Weltanschauung entsprechen.

Unserer Einsicht nach werden die Namen der kritisierten Institutionen nach Belieben ausgetauscht und immer wieder ähnliche Behauptungen gebetsmühlenartig wiederholt, die den Eindruck vermitteln sollen, es gäbe ein weitreichendes Problem. In diesem Beitrag sind es beispielsweise die Vorwürfe der „Frühsexualisierung“ und „Verwirrung der Kinder“ oder die haltlosen Behauptungen, dass Kinder nach dem Sexualunterricht verstört nach Hause kämen und Eltern Sturm laufen würden.

„Bereits in Volksschulen werden in Form von Workshops abartige Sexualpraktiken erklärt und Neunjährige beispielsweise dazu animiert, an Holzpenissen den Umgang mit Kondomen zu üben“

Wir könnten jetzt darüber diskutieren, was „abartige Sexualpraktiken“ sind. Nein! Viel wichtiger ist es an diesem Punkt wieder klarzustellen, dass liebenslust* bis dato keinen einzigen Workshop in einer Volksschule durchgeführt hat. Wie auf der Webseite ersichtlich, bieten wir im Bereich kindgerechte Aufklärung fundierte Fortbildungen für Eltern und andere Bezugspersonen sowie für Pädagogen*Pädagoginnen die mit Kindern arbeiten sowie medizinisches Personal.

Dass Sexualpädagogik im Volksschulalter noch wenig mit einer „erwachsenen bzw. jugendlichen Sexualität“ zu tun hat, darüber sind sich Expert*innen einig. Leider werden immer wieder diverse Phantasien und Vorstellungen von fachfernen Autor*innen als reißerische Argumente gegen Sexuelle Bildung vorgebracht.

Es entsteht der Eindruck, dass möglicherweise immer wieder gezielt Falschangaben gemacht werden. Auch das Bild zu diesem Artikel fungiert in der gleichen Logik. Es zeigt ein Mädchen im Volksschulalter neben überproportionalen Penissen aus Gips, die vorrangig für die Arbeit mit jungen Erwachsenen gedacht sind. Wir wissen es nicht, aber es lässt vermuten, dass mit diesen verzerrenden Bildern Angst und Verunsicherung geschürt werden möchte.

Im gleichen Artikel gehen die Verfasser*innen jedoch noch einen Schritt weiter und behaupten, dass Sextaschen mit Plüschgenitalien an Kindergartenkinder verteilt würden. Dies ist nicht korrekt.

Konstruktive Kritik? 

Es heißt immer wieder, dass „altersgerechte, respektvolle und sensible Sexualerziehung“ anders aussehen würde. Wie konkret, dazu gibt es keine Angaben – auch auf Anfrage nicht.

Kritik an sexualpädagogischen Arbeitsweisen kommt meist von Personen, die im Bereich Sexualpädagogik bzw. Pädagogik nicht ausgebildet sind. Das wäre irgendwie so, als würden wir als pädagogischer Verein über die aktuellen Methoden der Klimaforschung schreiben. Wir bleiben professionell, und bei unseren Leisten.

„aufgedeckt, dass der Verein „L(i)ebenslust“ und deren Werbeprodukt „Sextasche Uschi“ mit völlig überhöhten und nicht zu rechtfertigenden Landesmitteln subventioniert werden“
„Steuergeldverschwendung“

Wir wiederholen: Die Anzahl der Workshops, die in Schulen (NMS und Gymnasium Unterstufe) und Jugendzentren durchgeführt wurden, wurde durch Landesmittel finanziert. Die Nachfrage ist nach wie vor höher als das Förderbudget und es bräuchte mehr finanzielle Mittel, um ihr nachzukommen.

Bei den Taschen „Uschi“, „Willi“ & Co handelt es sich nicht um ein Werbeprodukt, sondern um die eigens vom Verein durch Sexualpädagog*innen entwickelten Materialien – ohne Förderbudget.

  • Diese können (je nach Thematik und Entwicklungsstand der Heranwachsenden) im Workshop durch die Referent*innen eingesetzt werden und dienen der qualitätsvollen Wissensvermittlung.
  • Die Entwicklung der Materialien wurde durch Eigenmittel des Vereins finanziert.
  • Die Materialien werden vor allem für Fachkolleg*innen und andere Institutionen angeboten.
  • Die Einnahmen aus dem Verkauf werden im Sinne der Gemeinnützigkeit im Verein für die Weiterentwicklung investiert.

 

Damit sollten vorerst die wichtigsten Fragen – die uns NICHT gestellt wurden – beantwortet sein.

Für weitere Informationen stehen wir sehr gerne #unaufgeregt zur Verfügung. Unsere Kontaktdaten finden Sie HIER

Wir finden es gut, in der Öffentlichkeit über Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung zu sprechen.

#unaufgeregt