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Immer wieder fällt uns in unserer Arbeit auf, dass manchen Menschen mehr sexuelle Aktivität zugesprochen wird als anderen. Manchmal liegt es an ihrem Geburtsland, dann wieder an ihrer Attraktivität, am Alter, am Geschlecht, ihrer intellektuellen Entwicklung oder ob ihnen ein Bein fehlt oder nicht. Fakt ist: Alle Menschen sind sexuelle Wesen. Genauso wie alle schön, arschig oder liebevoll sein können.

So erzählt Martin Habacher, der wegen seiner Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt jeden Montag einen schlüpfrigen Witz im Netz. Warum auch nicht? Laura Gehlhaar hatte eine heftige tinder-Phase, ihre fibröse Dysplasie hält Youtuberin Jette nicht davon ab, einen Beauty-Vlog zu führen. Und Martin Fromme findet seinen Armstumpf als großen Vorteil bei Frauen – er kann ja nicht klammern. Wie recht er hat :-)

Tja. So kann mensch auch mit Humor mit dem Thema Sexualität und Behinderung umgehen. Weniger – nämlich zu lachen haben Menschen mit geistiger Behinderung. Ihnen wird häufig nicht nur ihre Sexualität abgesprochen, auch die Entwicklung einer Geschlechtszugehörigkeit, als wesentlicher Teil von Identität, wird oftmals gehemmt.

Wie Menschen mit geistigen Behinderungen die Geschlechtszugehörigkeit abgesprochen wird…

Menschen mit geistiger Behinderung sind oftmals ein Leben lang auf Hilfe und Betreuung von außen angewiesen. Damit einher geht in der Realität noch häufig ein hohes Maß an (unreflektierter) Fremdbestimmung (trotz des Paradigmas der Selbstbestimmung).

Wichtige Aspekte in der Identitätsentwicklung eines Menschen sind jedoch von Beginn an das eigenständige Erkunden und Erproben, Experimentieren und Erfahren von Körperlichkeit sowie Situationen. 

Sich selbst entdecken – oder auch nicht.

Kinder entdecken etwa in der sogenannten genitalen Phase das eigene Geschlecht – Sie erkunden ihre äußeren Genitalien, sie identifizieren sich als Bursche oder Mädchen und orientieren sich an einem Elternteil. Sie bilden ein Bewusstsein dafür, Mann Frau oder keines von beidem zu sein.

Die Entdeckung der eigenen Genitalien durch Anfassen oder Anschauen ist bei Kindern mit Behinderung oftmals aufgrund eingeschränkter motorischer Fähigkeiten nicht gegeben. Auch sind Bezugspersonen in den ersten Jahren meist permanent anwesend. Doktorspiele oder der Kontakt mit Gleichaltrigen sind kaum möglich.

Erproben und erkunden von verschiedenen Rollen

So kann es sein, dass die eigenen Genitalien ein Leben lang nicht berührt werden. Das bewusste Vorhandensein dieser Körperteile und deren Benennung trägt allerdings wesentlich zur Entwicklung einer Geschlechtsidentität bei. Auch soziale Rollenspiele wie „Vater-Mutter-Kind“, alltägliche Situation wie zB Einkaufen oÄ finden seltener statt. Oftmals wäre das hier eine bewusste Förderung durch Bezugspersonen notwendig. Soziale Kontakte gestalten sich für Kinder mit geistigen Behinderungen schwierig, weil Dinge wie zB die Barrierefreiheit  der Wohnungen Besuche bei Freunden erschweren.

In der Jugendzeit ist das Erproben, Erkunden von Sexualität und Geschlechterrollen wesentlich. In diesem Alter sind die unterschiedlichen Wertigkeiten für Menschen mit oder ohne Behinderung sehr deutlich spürbar.

Stellen wir uns eine junge Frau mit Behinderung(en) vor und eine ohne. Wem gestehen wir eher das Recht zu auf

  • „zu viel“ Schminke,
  • „zu kurze“ Röcke,
  • sich nicht zu duschen,
  • mehrere Freund*innen zur gleichen Zeit…

Sexuelle Aufklärung bedeutet Freiheit und Emanzipation.

Für Menschen mit geistiger Behinderung ist eine bewusste Unterstützung in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung oft sehr hilfreich und notwendig, da häufig der Zugang zu Informationen fehlt und Erfahrungen eingeschränkt sind.

Hilfreich kann dabei sowohl ein sexualpädagogisches Konzept für die Einrichtung sein, teils auch die Inanspruchnahme von Sexualassistenz- und oder Begleitung, oder überhaupt mal ein Gedankenexperiment, wie es zB der Film „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“  wagt.

Sexualität ist nicht einer bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten. Sie betrifft alle.

Liebens- und Lesenswertes…