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Ein paar Überlegungen zu aktuellen Aufregern rund um den Verein liebenslust* aus Perspektive von Mag.a Sabine Ziegelwanger

Mit Staunen und einer gewissen Besorgnis blicke ich auf die mittlerweile wochenlang andauernden medialen wie politischen Angriffe auf den  sexualpädagogisch arbeitenden Verein liebenslust* in der Steiermark. Dies hat mich dazu veranlasst, als eine von ihnen – als sogenannte externe Sexualpädagogin – die seit mittlerweile 17 Jahren in diesem Feld tätig ist, völlig unaufgeregt Stellung zu beziehen.

Das Streuen von Falschinformationen und das bewusste Schüren von diffusen Ängsten folgt den ewig gleichen Strategien reaktionärer Akteur_innen. Dynamiken und Akteur_innen haben bereits Dr. Karlheinz Valtl und liebenslust* in einem vorherigen Beitrag pointiert nachgezeichnet. Ich möchte ergänzend darauf hinweisen, dass ähnliche Szenarien in Österreich bereits im Zusammenhang

  • mit den Sexkofferstreitigkeiten der 1980er Jahre;
  • mit der Broschüre „Love, Sex und So“ (2002) des damaligen Bundesministeriums für Unterricht;
  • mit den sexualpädagogischen Unterrichtsmaterialien mit dem Titel „ganz schön intim“ der ausgezeichneten Beratungsstelle Selbstlaut in Wien und zuletzt
  • mit der Herausgabe des „Grundsatzerlassen zur schulischen Sexualerziehung“ (2015) stattfanden.

Ein Déjà-vu mit dem Unterschied, dass derzeit Verleumdungen und Panikmache immer gesellschaftsfähiger werden. Grund genug, um völlig unaufgeregt einen kleinen Einblick in die Praxis zu geben und manches klar zu stellen. Grund genug, um zu Solidarität mit liebenslust* aufzurufen und zum Austausch zu ermutigen. Denn nur wo Fragen gestellt und womöglich Antworten erhalten werden, können Ängste verfliegen.

Über Möglichkeiten und Grenzen von Eltern

Das Gemisch aus Kindheit/Jugend – Sexualität – und Erziehung war schon immer hochexplosiv und angstbesetzt. Angst ist nie gut, sie lähmt, macht unbeweglich und fördert Grenzverletzungen.
In der sexuellen Bildung Jugendlicher durch professionelle Sexualpädagog_innen, wie jene von liebenslust*, geht es nicht darum, wie es die FPÖ Steiermark behauptet und damit Panik erzeugen möchte, Eltern die Kommunikation über Sexualität zu entreißen. Was für eine Unterschätzung des Stellenwerts der Eltern im Zusammenhang mit der Entwicklung der sexuellen Identität ihrer Kinder! Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden immer wieder die Perspektive der Eltern miteinbeziehen.

Eltern können nicht nicht sexualerziehen. Sie tun es! Und sie tun es schon von Geburt ihrer Kinder an. Nur ist ihnen das meist nicht bewusst, weil wir in unseren Köpfen ein sehr kurzgegriffenes Bild von Sexualität haben.

Die Sexualerziehung von Eltern spiegelt sich darin,

  • wie sie ihren Kindern Vorbild sind,
  • wie sie mit Körperlichkeiten umgehen;
  • mit ihren eigenen Grenzen und jenen ihrer Kinder;
  • darin, wie sie Beziehungen vorleben;
  • darin, wie sie ihr Mann/ihr Frau/ihr Menschsein ausdrücken;
  • darin wie sie vermitteln und auch vormachen, was ihnen wichtig ist (Werte) und schließlich auch
  • darin, wie sie auf Fragen, die ihnen Kinder und Jugendliche stellen reagieren.

Kinder und Jugendliche sind keine unbeschriebenen Blätter, die von Sexualpädagog_innen in mehrstündigen Workshops plötzlich verführt oder besser noch „sexualisiert“ (!)werden.

Diese Ängste entstammen dem Erziehungsverständnis des 18. Jahrhunderts, in dem Kinder und Jugendliche – einer Wurstmaschine gleich – Thematisiertes reproduzieren, das ihnen kurz vorgekaut wurde. Diese Ängste entstammen ebenso der Vorstellung, dass „über Aspekte von Sexualität reden“ gleich bedeutend sei mit „es gleich auch tun“.

Kinder und Jugendliche sind ganz vielen verschiedenen Einflüssen und Erfahrungen ausgesetzt, die ihre Sexualität prägen und das ein Leben lang. Und gerade im Bildungssystem müssten sich viel mehr Akteur_innen dieser Verantwortung bewusst sein. Schützen können Eltern ihre Kinder vor Grenzverletzungen nur, indem sie ihre Möglichkeiten und Vorbildrolle bewusst einnehmen und einen selbstbestimmten, selbstbewussten und respektvollen Umgang mit Körperlichkeit und Partnerschaftlichkeit vorleben wie auch Räume für Fragen und das Äußern von Unsicherheiten öffnen.

Viele sexualpädagogische Projekte, die mit Schulen kooperieren, so auch liebenslust*, zeichnen sich dadurch aus, dass Eltern Informationen über Spezifika der kindlichen wie jugendlichen Sexualentwicklung erhalten, über die Werthaltung des Projekts und auch Materialien und Methoden kennen lernen können. Unsicherheiten können aus dem Weg geräumt werden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass jene Eltern, die an Elternabenden auch tatsächlich erscheinen, meist froh sind, professionelle Unterstützung zu erhalten.

Ebenso sind es viele Lehrpersonen, die im schulischen Alltag auf zahlreiche Situationen stoßen, in denen sich Fragen stellen, die im Kontext von sexueller Bildung stehen:

  • Wie z.B. wie mit homophoben oder sexistischen Beschimpfungen („Schwuchtel“, „Schlampe“) umgehen?
  • Wie auf wild küssende Liebespaare in den Gängen reagieren?
  • Wie damit umgehen, wenn der Verdacht auf sexuellen Missbrauch einer Schülerin/eines Schülers im Raum steht?
  • Wie damit umgehen, wenn Pornoclips auf Handys herumgezeigt werden….?
  • Wie Sexualaufklärung gestalten?
  • Wie mit einer Vielfalt an Jugendlichen umgehen, die sich durch interkulturelle familiäre Hintergründe auszeichnet?

Das sind nur einige wenige Fragen, die an externe Sexuapädagog_innen herangetragen werden und darauf hinweisen, wie weit das Feld sexueller Bildung reicht. Wird der Verein liebenslust* nicht mehr gefördert, fällt auch diese wichtige Ressource für das Lehrpersonal weg!

Wie Sexualpädagog_innen arbeiten

Professionelle Sexualpädagog_innen arbeiten immer empathisch und „anschlussfähig“, d.h. sie orientieren ihre Methoden und Materialien an den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe.

Diese können auch innerhalb von Gleichaltrigengruppen variieren. Eine Methode um herauszufinden, was in der spezifischen Gruppe Thema ist, ist jene der „Black Box“. Jugendliche können anonym Fragen auf einen Zettel schreiben mit dem Zusatz, dass keine persönlichen Fragen gestellt und respektlose Kommentare nicht vorgelesen werden. Die Sexualpädagog_innen versuchen anschließend gemeinsam mit den Jugendlichen die Fragen zu diskutieren. Sie wirken moderierend und mediatierend – in manchen Fällen auch informierend. Ihre professionelle Haltung zeichnet sich durch jene von vielfältigen Lebens- und Liebensweisen aus.

Dabei geht es nicht „nur“ um die Anerkennung und Wertschätzung unterschiedlicher sexueller und geschlechtlicher Identitäten sondern auch um die Anerkennung unterschiedlicher Werthaltungen.

Der Horizont einer_eines Sexualpädagogen_in umfasst z.B. die Lebenswelt eines Jugendlichen, der jungfräulich in die Ehe gehen möchte ebenso wie jenen einer Jugendlichen, die bei ihrer Großmutter lebt und eine Freundin hat. Gemäß dem Motto von liebenslust*: Wir sind vielfältig und niemand ist verkehrt! Nur wenn jede_r einzelne die Vielfalt in unserer Gesellschaft respektiert und lernt, das Eigene zu erkennen und keine Angst vor dem Fremden zu haben, können wir einander friedvoll begegnen.

Jede_r hat das Recht, die Bandbreite an Lebens- und Liebesformen, wie auch an Werthaltungen kennen zu lernen und dazu Fragen zu stellen.

Aus dieser Perspektive sind Materialien und Methoden von liebenslust* zeitgemäß und begrüßenswert und führen weniger zu Verunsicherungen sondern eher zu Verständnis und Mitgefühl.

Wenn Eltern an Elternabenden die (anonym) erhobenen Fragen ihrer jugendlichen Kinder zu lesen bekommen, erröten sie häufig bei der einen oder anderen Frage bzw. können manchmal kaum glauben, dass ihre Kinder solche Fragen stellen. Spätestens dann wird klar, warum es die Unterstützung von professionellen Sexualpädagog_innen braucht, Antworten anzubieten.
Denn nicht nur, dass diese nach dem Workshop auch wieder gehen und am nächsten Tag nicht die Matheschularbeit austeilen müssen.

Externe Sexualpädagog_innen haben unter anderem gelernt, wie man einen geschützten Rahmen schafft, in dem vieles angesprochen werden kann:

  • die Ängste und Unsicherheiten,
  • die vielen medialen wie auch pornografischen Bilder im Kopf,
  • Themen wie Kennenlernen, Liebesbeziehungen und auch Leistungsdruck (Was muss ich tun? Was ist normal? Was will ich eigentlich?)

Und vor allem haben sie gelernt, wie man Jugendliche entlastet.

Und wer von den Schüler_innen bei alledem nicht dabei sein möchte, der_die darf sich raushalten und kann sich auch still beschäftigen.
Ganz klar interessiert Jugendliche auch konkret Sexuelles, wie spezifisches Sexualverhalten und Sexualpraktiken. Und auch derlei Themen können völlig unaufgeregt besprochen werden. Gelacht werden, das darf immer!

Jugendsexualitäten

Jede_r, der_die sich ein bisschen mit der Lebenswelt junger Menschen auseinander gesetzt hat weiß, dass es nicht um ein wahlloses Ausleben von Sexualität geht, sondern dass derzeit bei den allermeisten die Werte: Liebe, Vertrauen und Treue ganz groß im Kurs stehen.

Jede_r , der_die sich ein bisschen mit Jugendsexualitäten auseinander gesetzt hat weiß, dass das Alter von Jugendlichen für ihre ersten sexuellen Erfahrungen rückläufig ist, d.h. nicht ständig früher beginnt und dass sexuelle Bildung zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Verhütung sowie zu einer positiven Wahrnehmung der ersten sexuellen Erfahrungen führt; dass es aber auch Jugendliche gibt, die völlig allein gelassen werden mit ihren Fragen, Bedürfnissen und Unsicherheiten und die riskantes Sexualverhalten zeigen (ungewollte Schwangerschaften, sexuell grenzverletzendes Verhalten…).

Jeder, der sich etwas intensiver mit der Vielfalt von Jugendsexualitäten auseinander gesetzt hat weiß auch, dass es nach wie vor Wissenslücken und Leistungsdruck gibt (so auch bei Erwachsenen) und kaum geschützte Räume, in denen ehrlich und respektvoll über Sexuelles informiert werden kann.

Und genauso wie es Eltern meist nach einem Infoabend über sexualpädagogische Projekte geht, geht es Jugendlichen: Sie sind zufrieden und erleichtert, weil ihnen klar wurde, dass man auch ganz unaufgeregt Sexualität thematisieren kann. Dass viele Ängste und Unsicherheiten genommen werden können, und dass nichts Schlimmes passiert, wenn man sich informiert, außer, dass die Angst verfliegt.

Einen Verein wie liebenslust* nicht mehr zu fördern wäre tragisch und ein großer Verlust für das Bundesland Steiermark, für die dort lebenden Jugendlichen, Lehrer_innen und Eltern. Es wäre auch ein besorgniserregendes Statement für Österreich in eine reaktionäre, repressive Richtung.

Lasst uns miteinander an einer achtsamen Auseinandersetzung mit sexueller Bildung arbeiten und wachsen – ohne Verleumdungen und Panikmache.

Respektvoll und unaufgeregt,

Mag.a Sabine Ziegelwanger