Eines vorweg:
Menschen mit Behinderungen brauchen kein Konzept für ihre eigene Sexualität. Aber Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung leben brauchen eines – und wir unterstützen sie dabei.

“Menschen mit Behinderung haben das gleiche Recht auf Eigenartigkeit wie Menschen ohne sichtbares Handicap, das gleiche Recht auf wohltuenden Aufenthalt in ihren Feuchtgebieten, das gleiche Recht auf Anormalität, Skurrilität, Provkation und Beschädigungseffekte….Etwas mehr Sexualfreundlichkeit täte uns allen gut” (Herrath 2013, S. 23).

Seit 2015 ist jede Einrichtung, die Wohnassistenz anbietet, gesetzlich dazu verpflichtet, ein sexualpädagogisches Konzept vorzuweisen. Das Land führt diesbezüglich auch Kontrollen durch, um die Wahrung der grundlegenden Rechte der Bewohner*innen sicherzustellen und eine Reflexion des pädagogischen Handelns zu ermöglichen.

Aber was genau will das Land kontrollieren?

Die Unsicherheiten und Ängste der Einrichtungen in Bezug auf diese Aufgabe sind verständlicherweise groß.  Oftmals ist dieser Anlass die erste tiefergehende Auseinandersetzung mit der Sexualität der begleiteten Bewohner*innen. Lange Zeit war sie ein großes Tabu. Seit Angeboten wie zB. der Libida-Sexualbegleitung ändert sich dieses Bild. Trotzdem ranken sich viele Gerüchte darum.

Um sexuelle Dienstleistungen geht es bei so einem Konzept aber erstmal nicht. Worum geht es dann?

Romantische Beziehungen, das Ausleben von sexuellen Orientierungen oder Selbstbefriedigung sind Themen, die viele Menschen für sich selbst entscheiden. Das Ausleben der Sexualität von Menschen mit Behinderung in Einrichtungen war lange Zeit allerdings stark von den Einstellungen der Mitarbeiter*innen abhängig. Das heißt, ob, wie weit und wann Sexualität gelebt wurde war von außen bestimmt. Das widerspricht den allgemeinen Menschenrechten! Wir alle verfügen nämlich auch über sexuelle und reproduktive Rechte. Das schließt Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen nicht aus.

Auch sonst ist das Sprechen über Sexualität nicht einfach (und sehr privat), weil es uns zwingt, eigene Wertigkeiten, Vorstellungen aber auch Grenzen zu hinterfragen und kundzutun. In einem professionellen Arbeitskontext ist das eine noch größere Herausforderung. Ein sexualpädagogisches Konzept aber bietet die Möglichkeit gemeinschaftlich reflektiert professionell zu Handeln  und verbindliche Aussagen zum Thema Sexualität für die Einrichtung zu treffen.

Was steht im sexualpädagogischen Konzept?

Einerseits stellt das Konzept ein Grundgerüst für sexualpädagogisches Handeln dar und gibt somit mehr Sicherheit im Tun. Gleichzeitig sichert es aber auch das Menschenrecht für das (Aus)leben der Sexualität der Bewohner*innen. Und diese ist wie bei allen anderen Menschen eben auch, vielfältig. Rechtlich verankert ist das Ganze in der Charta der sexuellen und reproduktiven Rechte (IPPF) und findet sich in der LEVO (Leistungsverordnung) wieder.

Der grundlegende sexualitätsbejahender Zugang ist somit rechtlich vorgegeben!

Verschiedene einrichtungsbezogene Themen werden außerdem zusätzlich mit wissenschaftlicher Literatur untermauert und in schriftlicher Form festgehalten. Ganz konkrete Vorgehensweisen finden sich aber nicht im Konzept, weil diese in der pädagogischen Zielplanung für die*den einzelne*n Bewohner*in stattfinden.

Einige Themen für sexualpädagogische Konzepte sind z.B.:

  • Verliebt sein – Beziehungen
  • Privat- und Intimsphäre
  • Verhütung
  • Masturbation
  • Sexualbegleitung
  • Workshops für Bewohner*innen
  • aber auch Weiterbildungen der Mitarbeiter*innen zum Thema

Ein sexualpädagogisches Konzept ist ein „living document. Das heißt, es ist nichts Abgeschlossenes, offen für Ergänzungen und Neuerungen auf der Basis neuer Erfahrungen.

Wie gehen wir es an?

Eine Person allein sollte niemals ein sexualpädagogisches Konzept für die gesamte Einrichtung erstellen, weil Sexualität eben an verschiedenste Werthaltungen geknüpft ist, die gemeinsam reflektiert werden sollen. Hier ein paar Tipps:

  • Erarbeiten Sie das Konzept gemeinsam – am besten mit einer Arbeitsgruppe. Wenn möglich und relevant bilden Sie ein interdisziplinäres Team, weil verschiedene berufliche Positionen verschiedene Blickwinkel einbringen können.
  • Teilen Sie Themen untereinander auf und setzen sie zeitliche Grenzen.
  • Wenn neue Bewohner*innen einziehen, stellen Sie Ihren Zugang zum Thema vor.
  • Auch neue Mitarbeiter*innen, die nicht am Konzept mitgearbeitet haben sind verpflichtet auf dieser Basis zu handeln.

Ist das Dokument nun fertig, vergessen sie nicht auf das Wesentlichste: die Umsetzung in die Praxis!  :-)

Nochmal von vorne. Wie fangen wir an?

Wenn Ihnen Anknüpfungspunkte fehlen und Sie nicht ganz sicher sind, wie Sie das Thema Sexualität in Ihrer Einrichtung überhaupt ansprechen sollen, greifen wir Ihnen gerne unter die Arme. Wir bieten sowohl Workshops und Weiterbildungen zum Thema Sexualität & Behinderung an (die nächste Gelegenheit bietet sich am 16./17.9.2016), als auch Unterstützung bei der Projektplanung und die Begleitung bei der Erstellung des sexualpädagogischen Konzeptes.  In der konkreten Umsetzung führen wir gerne Workshops mit Kunden*Kundinnen durch, begleiten Sie bei Informationsveranstaltungen für Bezugspersonen und Ihr Team.

Wir freuen uns von Ihnen zu hören  – bis dahin können Sie gerne noch ein bisschen zu Vielfalt auf unserem Blog lesen. Denn…

verkehrt

Text: Tina Jessner und Katja Grach (Team liebenslust*)

Liebens- und Lesenswertes…