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In den letzten Jahren nehmen sich immer mehr Menschen dem Tabu-Thema Menstruation an. Denn, wenn nicht darüber gesprochen wird, kursieren ganz schön viele Fehlinformationen und auch viel Scham und Ratlosigkeit. Grund genug für Andreas Kramer sich durch den Verein „Nepal Direct. Human Empowerment“ ebenfalls mit dem Thema Menstruation zu beschäftigen. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Entwicklungshilfe vs. Entwicklungszusammenarbeit

liebenslust: Bevor wir uns über das Thema Menstruation unterhalten, würden wir gerne klären, was ihr unter Entwicklungszusammenarbeit versteht, denn gerade Begriffe rund um Entwicklungshilfe stehen immer wieder in der Kritik. Über Menstruation gibt es schließlich auch in Österreich viele Wissenslücken, wie die Befragung der erdbeerwoche gezeigt hat. Also wie versteht ihr eure Arbeit und was macht ihr?

Andreas Kramer: In der Entwicklungszusammenarbeit ist es nicht unsere Aufgabe, „anderen zu helfen“. Dafür müssten wir besser sein als andere, und die Geschichte lehrt uns, dass dem nicht so ist. Als Teil einer hochtechnisierte Kultur überstrapazieren wir unsere natürlichen Ressourcen. Die Menschen aus ärmeren Ländern tun das nicht. Ihr Leben erfolgt viel stärker im Einklang mit der Natur und den Elementen. Daher sollten wir ihnen nicht „helfen“, etwas zu erreichen, das wir in unserer eigenen Gesellschaft erreicht haben, sondern gemeinsam jene Veränderungen dort zu bewirken, wo sie gebraucht werden. Wir unterstützen also in Nepal Menschen dabei, die eigenen Lebensumstände zu verbessern, eingebettet in ihre eigene Umgebung und Kultur. Für ein ausländisches Expeditionsmitglied sollte es immer mindestens ein nepalesisches geben, und das Ziel jeder Initiative im Sinne der Entwicklungszusammenarbeit sollte es sein, selbst mittelfristig überflüssig zu werden und somit neue Abhängigkeiten zu vermeiden.

Daher bereiten wir gemeinsam mit den örtlichen Akteurinnen und Akteuren die Projekte vor, prüfen gemeinsam die Umsetzbarkeit, geben den Projekten vor ihrer Umsetzung die nötige Zeit, um in der Bevölkerung aufgenommen und von ihr getragen zu werden, und unterstützen bei der Umsetzung.

Was war für euch der ausschlaggebende Grund, im Rahmen eurer Entwicklungszusammenarbeit das Thema Menstruation aufzugreifen?

Andreas Kramer: Ich habe über Gewalt gegen Frauen in Nepal recherchiert, da sie nur knapp unter der Oberfläche überall gegenwärtig ist und ich 2015 in einem Dorf Zeuge von exzessiver häuslicher Gewalt wurde. Ich habe nach den Wurzeln des Problems gefragt und gesucht und auch nach einer aktiven Rolle, wie ich mit unserem Verein dagegenarbeiten kann.
Ab ihrer Pubertät werden Mädchen in Nepal grundsätzlich anders behandelt als Jungen, da sich aufgrund fehlenden Wissens über viele Jahrhunderte ein Aberglaube ausgebildet hat, der lange als unantastbare Tradition gegolten hat. Dieser führt dazu, dass Mädchen einmal im Monat vom normalen Leben ausgenommen werden, abgeschottet in unzureichenden Unterkünften oder Unterständen ausharren müssen, erschwerten Zugang zu Wasser erhalten und etwa in der Arbeitswelt per se diskriminiert werden – abgesehen von der gesellschaftlichen Ächtung, die eine Frau erfährt, wenn sie die Regel hat, kann sie doch z.B. für den Tod von Vieh oder eine schlechte Ernte verantwortlich gemacht werden.
Gewalt erfahren Frauen in Nepal also quer durch alle Bevölkerungsschichten spätestens mit dem Eintritt in die Pubertät. Da lag es nahe, sich mit dieser Thematik eingehender zu beschäftigen.

Ergänzend von liebenslust*: Diese Zuschreibenden klingen für viele Menschen aus der Luft gegriffen. Gleichzeitig ist – wenn wir ehrlich darauf blicken –  auch in Österreich das Thema Menstruation mit viel Scham, Ekel und Desinformation verbunden. Erinnern wir uns zum Beispiel an die blaue Flüssigkeit in der Werbung oder die Hand, die das Tampon umschließt. Noch immer kursiert auch hierzulande der Mythos, dass Regelblut unrein sei.

Wie gestaltet sich das Leben für Mädchen und Frauen in Nepal?

Andreas Kramer: Das Problem ist für Mädchen und Frauen nicht ihre Stellung vor dem Gesetz, sondern dessen schwache Durchsetzung durch den Staat. Das Geschlechterverständnis in der Gesellschaft macht es den Mädchen und Frauen sehr schwer, für ihre Probleme Gehör zu finden und Veränderungen zu bewirken.

Ein tägliches Beispiel aus dem ländlichen Westen Nepals: Ein Mädchen arbeitet mit ihrer Familie auf dem Feld, als etwas passiert, das sie nie für möglich gehalten hätte: Sie beginnt, zwischen ihren Beinen zu bluten. Sie ist schockiert, weiß nicht, was los ist, glaubt sie ist krank, dass sie sterben muss. Die ältere Schwester nimmt sie zur Seite und „klärt sie auf“, in einem Moment, in dem sie am verletzlichsten ist: Dass sie als Mädchen unrein sei, dass sie das von nun ab jeden Monat haben wird, und dass sie während diese Zeit für andere eine Gefahr darstellt und eine Nichtbeachtung der dafür geltenden Regeln etwa zum Tod der Hoftiere führen kann. Das wird sie glauben, und sie wird sich selbst in ihrem Leben vielmals in ihrem Glauben bestätigt fühlen. In diesem Moment hat sie akzeptiert, dass sie weniger wert ist als Männer und dass sie, wenn sie sich nicht strikt an die Regeln hält, Unheil über die eigene Familie bringen kann.

Ergänzend von liebenslust* Das klingt schockierend. In sexualpägogischen Workshops erzählen uns Mädchen immer wieder, dass sie völlig unvorbereitet die Periode bekommen haben und dachten, sie müssten jetzt sterben. In anderen Ländern wiederum wird der Beginn der Pubertät gefeiert und als etwas Besonderes geachtet. Wenn wir es historisch betrachten, finden wir ganz viele Beispiele in unterschiedlichen Kulturen, wie die Körper und die Sexualität von Frauen reglementiert wird, um ihnen eine gesellschaftlich niedrigere Stellung zu zuweisen. Das finden wir in den Mythen rund um Menstruation, Jungfräulichkeit und den Umgang mit weiblichen Geschlechtsorganen. Einen guten aber schockierenden Abriss der Geschichte bieten dazu die Bücher „Vagina“ von Naomi Wolf, „Vulva“ von Mithu M. Sanyal und der kürzlicherschienene Comicband „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist. Was es nach wie vor braucht, sind ehrliche und unaufgeregte Gespräche. Solche Mythen, die sich in Verhaltensregeln des Alltags niederschlagen, lassen sich nicht über Nacht auflösen.

Wie arbeitet ihr vor Ort in Nepal und was denkst du sind die wichtigsten Faktoren für eine gelingende Aufklärung?

Andreas Kramer:  Wir engagieren uns vor allem im „Fernen Westen“ Nepals, in dem der „Chau“, die Tradition des Menstruationstabus, noch in sehr ursprünglicher Form und entsprechend stark gelebt wird. Dabei setzen wir auf die Prinzipien der „Hilfe zur Selbsthilfe“, oder wie wir es sagen: Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe.

Gemeinsam mit jungen, gut gebildeten und motivierten Nepalesinnen und Nepalesen beraten wir uns über die Situation in Nepal, und was aus ihrer Sicht getan werden kann, um sie zu verbessern. Ganz automatisch fließen dann ihre Erfahrungen und Kenntnisse in die Planung von Maßnahmen ein und gemeinsam werden Expeditionen in entlegene Gebiete organisiert, um diese umzusetzen. Sie müssen dabei schon vor Beginn einer Expedition viel mit den anvisierten Dorfgemeinschaften kommunizieren und die dortigen einflussreichen Personen über das Problem, dessen Ursprünge und unsere Lösungsvorschläge informieren. Können diese davon überzeugt werden, dass eine Abkehr vom Menstruationstabu mehr positive als negative Auswirkungen haben wird, ist erst die Grundlage für eine Expedition geschaffen.

Denn zu Beginn des Einsatzes, also bei Eintreffen des Expeditionsteams vor Ort, müssen die örtlichen Würdenträger zu den Menschen sprechen, und die Abkehr vom „Chau“ gutheißen. Hygieneunterricht nur für die Mädchen ohne Einbeziehung der Älteren und der Männer würde einen Keil in die Gesellschaft treiben, da Unwissende an Traditionen festhalten und erst recht weitergeben würden.
Vor Ort bilden schließlich die nepalesischen Expeditionsleiterinnen und –leiter örtliche Lehrerinnen und Lehrer und Gesundheitsarbeiterinnen und -arbeiter weiter und veranstalten an den vereinbarten Schulen gemeinsam eine Hygieneunterrichtseinheit. Dafür stellt ihnen Nepal Direct die Hilfsmittel: In Nepal gefertigte wiederverwendbare Binden und autodidaktische Unterrichtsbücher namens „Menstrupedia“.

Ergänzend von liebenslust* Wir finden es toll, dass ihr alle in die Sexuelle Bildung miteinbezieht. Auch wir machen hierzulande in Workshops immer wieder die Erfahrung, dass besonders Burschen sehr interessiert am Thema Menstruation sind, weil sie bislang niemand darüber aufgeklärt hat.

Je mehr alle darüber wissen, desto unaufgeregter können alle damit umgehen und Mythen und Tabus haben weniger Nährboden.

> Das Interview führte Michaela Urabl.  Für die Inhalte sind Nepal Direkt verantwortlich.

Überarbeitet von Katja Grach.

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