Bei der Entwicklung frühkindlicher Sexualität spielt unter anderem die Entwicklung der Geschlechtsidentität eine große Rolle. Die Geschlechtsidentität ist die tief empfundene Gewissheit, ob wir uns als männlich, weiblich, beides oder keines davon sehen.

Geschlechtsidentität, die Basics

Für viele Menschen klingt es vielleicht absolut logisch, dass sie sich als jenes Geschlecht empfinden, das uns Hebamme, Arzt oder Ärztin (etc) nach unserer Geburt aufgrund der äußeren Genitalien als „biologisches Geschlecht“ zugewiesen hat. So muss es aber erstens nicht sein, und zweitens sind auch menschliche Körper in allen Varianten vorhanden.

Da die Geschlechtsidentität empfunden wird, ist sie – im Gegensatz zu unseren wie auch immer geschlechtlich ausgeprägten Körpern – nicht sichtbar. Sie wird einzig und allein vom Individuum selbst bestimmt. Allerdings geht es hier nicht um eine Entscheidung, wie ich mich empfinden möchte und ist ebensowenig an genetische und anatomische Voraussetzungen unseres Körpers gebunden.

Die Geschlechtsidentität wird im Gehirn entwickelt und festgelegt bevor wir geboren werden. Sie ist Teil der Ich-Identität, die aus drei wesentlichen Dimensionen besteht:
1. Der Geschlechtsidentität (die tief empfundenen Geschlechtszugehörigkeit)
2. Der individuellen Art des Verhaltens (persönliche Neigungen und Ausdrucksformen)
3. Der sexuellen Orientierung

Unser größtes Sexualorgan ist das Gehirn: Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung und sexuelle Ausrichtung werden davon bestimmt

Doing Gender = Geschlechterrollen erlernen und praktizieren

Eng an die Entwicklung der Geschlechtsidentität geknüpft ist das Erlernen der Geschlechterrolle. Dabei wachsen wir mit und in dem sozialen Konstrukt auf, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, und dass diese Zweiteilung mit Erwartungen und Vorschriften für das jeweilige Geschlecht verknüpft ist. Ganz plakativ: Wenn Männer z.B. das starke, aktive Geschlecht darstellen, gilt für Frauen das Gegenteil – schwach und passiv.

Als Gesellschaft interagieren und funktionieren wir genau mit diesem gelernten und von den meisten von uns geteilten Handlungsmuster: der Geschlechterordnung. Sehr schnell sichtbar wird sie, wenn wir das Geschlecht einer Person nich am Aussehen festmachen können und daher irritiert sind, wie wir uns ihr gegenüber verhalten sollen. Dabei müsste das doch eigentlich egal sein, oder? 😉

Kinder werden nachhaltig von der Erziehung ihrer Eltern und der Gesellschaft, in der sie aufwachsen, beeinflusst. Sie interagieren mit ihrer Umwelt und ahmen die angebotenen Verhaltensweisen nach. So lernen sie von Geburt an die Haltungen und Bewertungen, die ihnen ihr Umfeld in Bezug auf Spielzeug, Farben, Kleidung und Verhaltensweisen bereitstellt. Ganz nebenbei erfahren sie, was sich für Jungs und Mädchen gehört, sie lernen eine bestimmte Auswahl an Aktivitäten und Informationen kennen, von denen wir ausgehen, dass sie interessant sein könnte.
Ab dem dritten Lebensjahr bevorzugen die meisten Kinder die ihrem jeweiligen Geschlecht zugeschriebenen Verhaltensweisen und Aktivitäten.

„An XY ist ein Bub/Mädchen verloren gegangen.“

Geschlechtsvariantes Verhalten bei Kindern oder nicht konformes Geschlechtsverhalten bezieht sich dann auf jene Verhaltensweisen und Neigungen, die aus dem Rahmen dessen fallen, was wir als „burschenhaft“ bzw „mädchenhaft“ sehen in Bezug auf Spielzeug, Kleidung, Frisur, Eigentümlichkeiten und die Verkörperung unserer Geschlechts-Rolle.

Raul (4) möchte sein Haar lang tragen und liebt es, Kleider und Röcke zu tragen. Er spielt gern versorgende Rollenspiele.

Wir sprechen allerdings erst von geschlechtsvariantem Verhalten, wenn es sich dabei nicht nur um eine kurze Phase des Ausprobierens handelt. Geschlechtsvariantes Verhalten bei Kindern kommt durchaus häufig vor, ist nichts Ungewöhnliches und in allen Kulturen zu beobachten. Geschlechtsvariantes Verhalten bei Kindern bedeutet also, dass das Problem weder in der Erziehung noch beim Kind liegt, sondern im sozialen System, welches enge Grenzen für die Äußerung der eigenen Geschlechtsrolle steckt.

Ein kleiner Denkanstoß für dich:

  • Ab wann war dir klar, dass du ein Mädchen oder ein Junge bist?
  • Woher wusstest du, dass du ein Mädchen oder ein Junge bist?
  • Sind Teile von dir beides oder nichts davon?
  • Wenn sich dein Körper über Nacht in das andere Geschlecht verwandeln würde, würde es deine Selbstwahrnehmung verändern?

Was sollen wir nun von rosa/hellblau halten?

Ob nun Kinder blau oder rosa tragen (wollen) ist ebenfalls Teil der Geschlechterrollen, die wir ihnen als Gesellschaft zur Verfügung stellen. Dabei ist die Zuordnung dieser Farben sozial konstruiert und hat gerade in den letzten Jahren einen Höhepunkt erreicht, von dem nicht zuletzt die Spielzeug- und Bekleidungsindustrie deutlich profitiert. Verneinen oder bejahen Kinder bewusst diese Zuordnung, müssen sie mit unterschiedlichen Reaktionen rechnen, die ebenfalls wieder mit der Geschlechterordnung zu tun haben.Blau für Buben, rosa für Mädchen. Logisch oder? Zumindest seit 1920.

So werden Mädchen, die sich ganz dem Rosa-Trend verschreiben, als „tussig“ abgewertet. Wollen sie kein Rosa, Glitzer oder Tüll an und um sich, gelten sie eher als „emanzipiert“.
Entscheiden sich Jungen für die rosa Variante sind wir hingegen schnell bei Bewertungen wie „schwul“ oder in bestimmten Kreisen eben „emanzipiert und fortschrittlich“. Bleiben sie bei blau und Bagger, handelt es sich um „richtige Buben“, die von Natur aus so wären.

In jedem Fall scheint es parallel zur Förderung von Mädchen in unterschiedlichsten Bereichen mittlerweile eine große Abneigung gegen den Pink-Wahn zu geben. So als wäre sie schuld an mangelnder Gleichberechtigung und -behandlung.

Ich möchte drei Szenarien nennen, unter denen ich persönlich ja finde, dass die Farbe rosa vielleicht doch nicht so böse ist, wie es mancherorts behauptet wird:

  1. Wenn Mädchen sich in rosa wohlfühlen, weil sie sich als Mädchen identifizieren und gelernt haben, dass die Farbe rosa und Mädchensein irgendwie zusammenhängen.
  2. Sie erlernen dadurch ihre eigene Rolle als Mädchen in der Welt. Das bedeutet eben auch, dass sie zunächst mal versuchen, das recht stereotyp (durch Kleidung und Frisuren) zu äußern.
  3. Mädchen lernen schon jetzt und auch später noch im Laufe ihres Lebens sehr viel mehr über das Frau-Sein. Sie kennen viele verschiedene Frauen, die ihre Rolle alle ein bisschen anders ausschmücken. Und zumindest die meisten Mütter tragen nicht nur alles in rosa, glitzer und Tüll.

Auch die Kampagne „pinkstinks“, die sich von Deutschland aus verbreitet, bietet ganz wunderbare Slogans:

  • Rosa für alle.
  • Mädchen sein kann man auf viele Weisen.
  • Vielfalt ist Schönheit.

Abgesehen davon haben wir es beim Thema Farbwahl auch mit ökonomischen Faktoren zu tun, wenn wir von stereotypem Spielzeug und Kinderkleidung sprechen. Eltern müssen es sich auch ein Stück weit leisten können, ihre Kinder nicht in rosa (oder Minions/Cars) zu kleiden. Neutrale Spielsachen und Kleidungsstücke werden kaum von Billigketten verkauft und müssen für Familien erst einmal leistbar sein.

Und noch etwas: Es ist ein ganz wunderbares Privileg, dass wir uns über solche Dinge Gedanken machen können. :)

Kein Rosa ist also auch keine Lösung. Geschlechtsidentität entwickelt sich mit und ohne Farbe auf vielfältige Weise.

Wer sich mehr mit dem Thema Geschlechtsidentität und insbesondere frühkindlicher Sexualität auseinandersetzen möchte, ist herzlich zu einer unseren nächsten Weiterbildungen eingeladen im November!

Mehr Links und Literatur zum Thema:

Kluge, Norbert (2013): Der Mensch- ein Sexualwesen von Anfang an. In: Schmidt, Renate-Berenike & Sielert, Uwe (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Weinheim: Beltz Juventa, 2., erweiterte Auflage, S. 71 – 79.

Brill, Stephanie & Pepper, Rachel (2011): Wenn Kinder anders fühlen. Identität im anderen Geschlecht. Ein Ratgeber für Eltern. München: Reinhardt.

 

 

Liebens- und Lesenswertes…