„Guten Tag.Ich bin vom Penisvermessungsamt. Würden Sie bitte die Hose runter lassen?“

In unserer sexualpädagogischen Arbeit werden wir fast in jeder Schulklasse mit vermeintlichen statistischen Durchschnittswerten sowie der Maßangabe zum längsten Penis konfrontiert. Denn: Größe ist Thema. Dabei sind diese Durchschnittswerte nicht wirklich repräsentativ. Anders als bei demographischen Daten und Wahlergebnissen, gibt es keine offiziellen Penisgrößen-Erhebungsstellen, die Daten sammeln und auswerten. Bei inoffiziellen Statistiken gibt es meist Ausschreibungen bzw. ergibt sich die Population aus denen, die freiwillig ihren Penis abmessen lassen.

Dabei ist für die Leser*innenschaft nicht nachvollziehbar,

  • wer an solchen Umfragen teilnimmt,
  • ob vor Ort gemessen wird,
  • oder ob die Teilnehmenden einfach selbst Daten angeben.

Unklar ist ebenfalls wo und wie gemessen wird.

  • von oben?
  • von unten (was einiges mehr an Spielraum lässt)?
  • mit oder ohne Erektion?
  • bei welcher Zimmertemperatur?

Deshalb sind auch Wikipedia oder Männer- und Frauenzeitschriften keine verlässlichen Quellen zur durchschnittlichen Penisgröße.

Wer könnte uns dann mit Penisgrößen weiterhelfen? Das Internet.

Sicher.

Nicht. Das Netz ist voll von sogenannten „dick picks“ aber auch so ziemlich jede*r  mit eigenem Smartphone hatte schon ein Penisbild auf dem Radar. Ob selbst gemacht oder bekommen von wegen  Selbstdarstellung, Anbahnungsversuch, in der Hoffnung auf Feedback zur eigenen Attraktivität, zur Belästigung – worum es auf dem Bild geht ist vor allem auch die Größe.  Weil groß = attraktiv; zumindest denken so viele.

Die Frage, wie wichtig Penisgröße wirklich ist, beschäftigt sowohl Jugendliche als auch erwachsene Männer beim direkten Vergleich am Pissoir und in Umkleiden. Penisgröße ist dabei meist ein Code für Männlichkeit und steht damit in Verbindung zu körperlicher Konstruktion von Männlichkeiten.

Porno-geprägte Vorstellungen von Penisgrößen verwirren zusätzlich. Zwar werden Pornos von Erwachsenen für Erwachsene produziert. Studien zeigen dennoch, dass sie auch den meisten Jugendlichen nicht fremd sind. Dass Pornos dabei aber mehr dem Fantasygenre, denn einer Dokumentation zuzuordnen sind, ist manchmal nicht so klar. Pornodarsteller*innen werden – ähnlich wie Models – nach körperlichen Merkmalen und Performance ausgewählt. Das heißt, dass häufig Männer in Pornos das Schönheitsideal eines „großen Penis“ erfüllen, obwohl  die meisten Menschen nicht so aussehen.  Gleiches gilt auch für Frauen und andere Menschen, die in Pornos zu sehen sind. Und wo das Drehbuch das Menschenmögliche übersteigt, wird künstlich nachgeholfen – ob mit perspektivischen Tricks und Schnittechnik, besonders kleinen Kollegen*Kolleginnen, oder auch mit Penisattrappen. Pornos stellen Fantasien dar, nicht die Realität.

Wie einfach perspektivisch getrickst und beeinflusst werden kann, zeigen auch folgende Bilder:

Penisgröße, Penisvergleich

Erkennen Sie den Unterschied?

Penisvergleich 2

Ganz einfach und schnell wird aus gleich ungleich

Weshalb also die Suche nach dem durchschnittlichen Penis?

An das Thema Penisgröße sind vor allem folgende Fragen geknüpft:

  • Ist Frauen ein großer Penis wichtig?
  • Ist Männern ein großer Penis wichtig?
  • Ist ein großer Penis irgendwie „besser“?

Die Vielfältigkeit der Realität und die Frage nach dem „Nutzen“ eines großen Penis bleiben dabei auf der Strecke.

Penisgröße

Von 7 auf 8 cm Länge mit einem Trick

 

Attraktivität ist etwas, das vielen sehr wichtig ist. Schönheitsideale gibt es überall und zu allen Zeiten. Zu wissen, wie man im Vergleich mit andern „abschneidet“ legt eine Art „eigenen Marktwert“ fest. Schönheitsideale sind dabei oft etwas exklusives, nicht oder nur sehr schwer mit eigener Anstrengung erreichbar. Trotzdem werden solche Ideale in allen Medien transportiert. Pornos sind dabei nur eine – wenn auch sehr offensichtliche – Möglichkeit zu erfahren, dass es ein Schönheitsideal gibt, das behauptet, große Penisse seinen „besser“. Wer Michelangelos David oder andere antike Statuen betrachtet, kann aber feststellen: Penisgröße war und ist nicht zu jeder Zeit ein Zeichen für „Attraktivität“ und/oder „Männlichkeit“.

Mit dem Mittelwert zur Penisgröße ergibt sich jedoch, dass diejenigen die über diesem Durchschnitt liegen, sich in ihrer Attraktivität bestärkt, die Darunterliegenden gekränkt fühlen könnten.

Trotzdem wollen viele auch einfach nur wissen:

„Ist mein Penis zu klein“? Zu klein WOFÜR?

Medizinisch gibt’s dazu einen Wert. Und der besagt, dass ein Penis im erigierten Zustand ab 7cm „vollwertig“ sei. Die Bezeichnung deutet dabei auf eine Vorstellung von Sex hin, die sich vor allem auf Penetration bezieht. Denn bei den meisten anderen Formen von sexueller Begegnung sind weder eine Erektion noch ein Penis Voraussetzung.

Die meisten Menschen verlieben sich nicht in Genitalien.

Am Penis hängt meistens noch etwas dran – ja, Hoden – aber auch ein ganzer Mensch. Und genau dieser Mensch ist es, der in seiner*ihrer Gesamtheit eben für jemanden anziehend oder nicht anziehend wirkt. Dabei gibt es unzählige Faktoren – und Genitalien gehören dabei zu den Aspekten, die meistens nicht auf den ersten Blick ins Gewicht fallen (wer lernt sich schon nackt kennen?). Wenn auch einzelnen Personen einen großen, kleinen, dicken, dünnen, gebogenen oder geraden Penis bevorzugen können, ist es eher selten, dass jemand seine*ihre (Sexual)Partner*innen rein nach der Penisgröße aussucht.

Wann die Größe wirklich wichtig ist: Bei der Kondomauswahl

Wobei Penis“größe“ wirklich eine Rolle spielt ist bei der Wahl passender Kondome. Dabei aber nicht wie oft angenommen und gemessen die Länge – sondern tatsächlich Form und Durchmesser. Ein Kondom soll weder zu straff noch zu weit sitzen, es soll nirgends zwicken und nicht verrutschen. Deshalb kann es hilfreich sein, einiges an Marken und Größen zu probieren.  Wie beim Kleiderkauf, passt eine Marke besser als die andere und wenn man spezielle Bedürfnisse hat, oder schlichtweg nicht „von der Stange“ kaufen möchte –gibt’s Maßkondome. Der Durchmesser steht übrigens hinten auf der Packung 😉
Websites wie MySize oder TheyFit bieten Kondome in einer sehr viel größeren Variation an, als das in Apotheken, Drogerie- und Supermärkten der Fall ist. Außerdem kann mensch sich das richtige „Messwerkzeug“ für die Kondomgröße ebenfalls auf den genannten Internetseiten herunterladen.

Und was ist mit …? – Penismythen

Penisbruch

Nein. Da es im Penis keinen Knochen gibt, kann auch keiner brechen. Was damit meist gemeint ist, ist eine Verletzung der Schwellkörper – und das kann nur im erigierten Zustand und durch starkes einwirken passieren (z.B. wenn jemand mit Anlauf an eine Wand stoßen würde).

Willkürliche Erektion

Es kann sein, dass bewusstes Denken an erotische Dinge und Situationen, bzw. das Vorstellen von stinkenden Socken und Steuerklärung die Erektion beeinflussen können, trotzdem kann niemand auf Knopfdruck über Erektion oder nicht bestimmen. Auch kann es unterschiedlich lange dauern, bis sich ein Penis erigiert.

Nase, Füße oder Körpergröße geben Auskunft über Beschaffenheit eines Penis

Nicht mal ob die Person einen Penis hat lässt sich an anderen Körpermerkmalen feststellen.

Penisse sind meistens gerade

Penen gibt es in ganz unterschiedlichen Formen, Größen, Beschaffenheiten und Winkeln!
Text: Stefanie Grübl und Katja Grach (Team liebenslust*)
Sexualpädagogische Materialien: Stefanie Grübl, Vielma

 

 

Liebens- und Lesenswertes…