Glücklich zu sein hat sich zum Trendgefühl der Dekade gemausert. In unserem Streben nach immer neuen und möglichst dauerhaften Glücksmomenten und deren Zurschaustellung bleibt kaum noch Platz für das Schmerzliche und Negative. Dabei ist es ein großes Glück, nicht immer glücklich sein zu müssen.

ein Gastbeitrag von Stephanie Fuchs-Mayr – Beitrag erschienen in der MAXIMA 2017

 

Wer heute nach dem Glück sucht, der muss darauf nicht viel Zeit verwenden. Ein paar Klicks im Internet genügen. Die Google-Suche auf die Frage „Wie werde ich glücklich?“ liefert immerhin schon mal 10.5000.000 Ergebnisse. Im Amazon-Store kann man aktuell rund 100 alleine im Jahr 2016 neu erschienene Bücher und Ratgeber zum Thema erwerben. Auf Instagram sind knapp 400 Millionen Beiträge mit dem Hashtag #happy versehen, ein bunter Mix aus gut gelaunten Menschen beim schweißtreibenden Workout, Urlaubsfotos mit den Liebsten, schönem und gesundem Essen und Panoramafotos von exotischen Traumlocations. Mit dem Hashtag #melancholy sind übrigens gerade einmal 500.00 Beiträge verschlagwortet.

Glücklich zu sein, jedenfalls aber immer noch glücklicher zu werden, so scheint es, ist zur Pflichtübung einer modernen Gesellschaft geworden.

Das Unglück der Glücksritter

Nun ist das Streben nach Glück natürlich nicht erst seit den 2000er-Jahren ein zentrales Element im Leben jedes Menschen. Schon Aristoteles sah Glück als das letzte große Ziel im Leben an, der amerikanische Präsident Thomas Jefferson ließ Glück in der Unabhängigkeitserklärung sogar als humanes Grundrecht festschreiben. In modernen Gesellschaften wird die Jagd nach dem möglichst dauerhaften Glücksgefühl aber tatsächlich mehr und mehr zum Lebensinhalt. Die vielen Baustellen der menschlichen Psyche – Trauer, Trübsinn, Melancholie oder Verlust – gilt es dabei tunlichst auszuklammern oder sich möglichst rasch (und unbemerkt) davon zu befreien. In persönlichen Beziehungen und dem Alltagsleben ebenso wie in sozialen Netzwerken. Und so ist die Suche nach dem Glück heute vor allem mit Druck und Zwängen verbunden. Dem Druck, einen guten, erfüllenden Job zu haben, soziale Kontakte zu pflegen, ein harmonisches Familienleben zu führen. Derlei übersteigerte Erwartungen an die eigene Gefühlswelt fördern am Ende vieles von dem, was die modernen Glücksritter eigentlich zu vermeiden suchen. Allen voran: Selbstzweifel, Unzufriedenheit, Neid, Schwermut. Anders formuliert: Je mehr wir vermeintlichen Glücksversprechen hinterherjagen, desto unglücklicher werden wir.

Ein Wort, viele Dimensionen

Was Glück überhaupt ist, wie es entsteht und wie man es erhält, damit beschäftigt sich mittlerweile weltweit eine Heerschar an Neurowissenschaftlern, Psychologen, Sozialforschern und selbst Genetikern. Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, das Glück zu fassen. Schon bei der Definition des Wortes wird es schwierig. Die österreichische Glücksforscherin und Beraterin für soziale Entwicklung und Wirkungsmessung, Alice Schmidt betont, wie wichtig es sei, zuallererst zwischen Glück im Sinne eines kurzen Hochgefühls und Glück im Sinne von Zufriedenheit und Wohlbefinden zu unterscheiden. „Im Deutschen umfasst der Begriff ‚Glück‘, anders als im Englischen die besser voneinander abzugrenzenden Begriffe ‚luck‘ und ‚happiness‘, wahnsinnig viele unterschiedliche Dimensionen“, sagt sie. Das große Wort „Glück“ bedeute zudem für jeden Menschen etwas anderes: Eine ausgewogene Work-Life-Balance, Wohlstand oder Gesundheit für die einen, Freiheit, Sicherheit oder Bildung für die anderen. Genau diesen Umstand lassen aber der Großteil der die zahlreichen Anleitungen zum Glücklichsein in analoger oder digitaler Form außer Acht. So formulierte unter anderem die amerikanische Psychologin und Aushängeschild der Positiven Psychologie, Carol Ryff, Selbstakzeptanz, soziale Beziehungen, Autonomie, Lebenszweck, aktive Umweltgestaltung und persönliches Wachstum als die sechs Säulen des Wohlbefindens. Daraus eine unfehlbare Gebrauchsanweisung fürs eigene Leben abzuleiten, kann aber dazu führen, tatsächlich unzufriedener zu werden. „Es gibt so viele Aspekte, die glücksfördernd sein können, da lassen sich keine allgemein gültigen Regeln ableiten“, sagt Alice Schmidt. „Ich glaube beispielsweise sehr wohl daran, dass viele Menschen materiellen Wohlstand als glücksfördernd ansehen, auch wenn in Europa das postmoderne Bewusstsein, dass Geld alleine nicht glücklich macht, schon relativ stark ausgeprägt ist.“

Das Ende der Glücksbeschwörung

Die ultimative Glücksformel gibt es also nicht. Als so gut wie sicher gilt dafür, dass Glück und Unglück – natürlich nur, solange es einen nicht vom eigenen Leben abhält und die Bewältigung des Alltags unmöglich macht – einander brauchen, und der Weg zum tatsächlichen Glücklichsein ohne das Zulassen negativer Gefühle nie wirklich beschritten werden kann. Der bekannte amerikanische Glücksforscher Ed Diener vertritt sogar die Meinung, dass der Weg zum Glück niemals um das Leid herum, sondern nur durch das Leid hindurch führt. Nur wer negative Emotionen wie Wut, Trauer und Melancholie zulässt und sie bewusst durchlebt, könne sie auch überwinden und gestärkt daraus hervorgehen.

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid, der mit seinem Buch „Gelassenheit“, in dem er sich mit den Auswirkungen und möglichen Auswegen aus dem Kreislauf überzogener Ansprüche an das eigene Leben befasst, 2015 einen Beststeller landete, spricht in diesem Zusammenhang vom „Glück der Fülle“. Und das, ist Schmid überzeugt, bestehe darin, mit seinem gesamten Leben, Hoch- und Tiefpunkte eingeschlossen, zufrieden zu sein. Wer erwarte, dass die eigene Existenz eine konstante Aneinanderreihung an widerspruchsloser Lebensfreude und Hochgefühlen sei, der könne nur scheitern.

„Es ist wichtig zu verstehen, dass Glück ein dynamischer Prozess ist, der sich konstant verändert, sich mit der Zeit sogar abnutzt, und kein dauerhafter Zustand“, sagt auch Sonja Laszlo, österreichische Kommunikationswissenschaftlerin, Glücksanthropologin und Schauspielerin.

In ihrem Buch mit dem bescheidenen Titel „Fuck Happiness – Von der Tyrannei des Glücks“ regt Laszlo dazu an, sich gegen das Glücks-Diktat unserer Zeit zu stellen und zu erkennen, dass ein glückliches und lebenswertes Leben das Schmerzliche und Negative ebenso sehr braucht, wie das Lustvolle und Positive. Zugeben: Keine leichte Aufgabe in einer Zeit, in der soziale Medien, Film und Fernsehen uns täglich suggerieren, dass es nichts mehr im Leben anzustreben gilt als perfekte Beziehungen, perfekte Körper, perfekte Freunde, perfekte Jobs – und ein Dauergrinsen im Gesicht. „Natürlich postet kaum jemand auf Instagram oder Facebook ein Foto, das erkennen lässt, wie schlecht man sich gerade fühlt, wo man ein Doppelkinn hat oder sich mit dem Partner gerade zofft“, sagt Laszlo. Seine besten Seiten im Netz auszustellen sei nur menschlich, man müsse sich allerdings bewusst machen, dass ausgestellte Ideale – der schlanke After-Baby-Body, die tolle Party, der sexy Partner – eine verzerrte Wirklichkeit erschaffen, an der sich andere Nutzer messen. Der unterbewusste Wettbewerb, in den wir damit treten, erzeugt einen enormen Druck und bringt uns dazu, unser bis dato persönliche Definition von Glück zu hinterfragen. Auf Plattformen wie facebook, das belegen mittlerweile zahlreiche Studien zum Thema, befördert das stete Zurschaustellen des vermeintlich echten Glücks der anderen negative Gefühle wie Neid und Frust. Ganz oben auf der medial gepushten Glücks-Terror-Liste steht übrigens neben Fitness, Ernährung und Aussehen natürlich: die Liebe. Die wurde zwar schon immer romantisiert und idealisiert, sagt Sonia Laszlo, sei aber in der in erster Linie von Hollywood propagierten Form eben eine reine Erfindung. „Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen, die regelmäßig Seifenopern sehen, ein schlechteres Liebesleben führen als solche, die das nicht tun“, betont Laszlo.

Mein Glück ist nicht dein Glück

Bleibt die Frage, wie man sich im Glücksuniversum vor dem Unglücklichwerden schützt. Glaubt man Sonia Laszlo, dann ist der Weg zur eigenen Zufriedenheit mit den richtigen Filtern gepflastert. „Facebook-Posts zum Beispiel machen nicht unglücklich, wenn man sie als Zeugnisse von Höhepunkten anderer Menschen versteht“, sagt sie. Und diesen Momentaufnahmen nicht mit Neid entgegnet, sondern versucht, sich für andere zu freuen und für sich persönlich zu definieren, ob man diese Form des Glücks auch für das eigene Leben anstrebt. Das Glück, sagt Laszlo, braucht Regenerationsphasen. Und wir tun gut daran, sie zuzulassen und nicht nur die Hochphasen unseres Lebens wertzuschätzen.

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Buchtipp: Sonia Laszlo, Fuck Happiness – Von der Tyrannei des Glücks

 

Stephanie Fuchs-Mayr wurde 1981 in Graz geboren, ist in der Südsteiermark aufgewachsen, hat in Graz Anglistik studiert und als Werbetexterin, Redakteurin und Autorin für unterschiedlichste Medien und Agenturen gearbeitet. Seit 2014 schreibt sie als freie Journalistin vorwiegend Reportagen, Porträts und Hintergrundberichte mit Fokus Kulinarik, Tourismus und Lifestyle. Wir freuen uns auch immer wieder über liebenslustige* Texte aus der Feder von Stephie Fuchs

Liebens- und Lesenswertes…