Menschen altern und bleiben dennoch sexuelle Wesen. Das klingt wie ein Widerspruch, weil uns die Kombination Alter und Sexualität in den Medien kaum begegnet. Auch sonst wird selten darüber offen gesprochen. Es wirkt so, als gäbe es nur eine kurze Zeitspanne (von der Jugend bis zum ersten Kind), in der Sexualität für viele denkbar ist.  Dabei versuchen wir als Gesellschaft unermüdlich, bis ins hohe Alter jung und fit zu bleiben. Warum also nicht auch Sexualität bis ins hohe Alter leben?

Anja Lipusch

Anja Lipusch

Anja Lipusch ist diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenschwester und in leitender Funktion auf einer Demenzstation in einem Pflegeheim tätig. Aus ihrer beruflichen Praxis weiß sie, dass mit 66 Jahren noch lange nicht Schluss ist und liefert uns mit diesem Blogartikel ein paar Denkanstöße.

Eigentlich gibt es viele Gründe, das Alter zu lieben

Im Alter müssen wir nichts mehr. Aber wir können, wenn wir wollen:

  • z.B. können wir Neues ausprobieren, Versäumtes nachholen oder neue Kontakte knüpfen. Es ist doch herrlich, endlich mal Zeit für diejenigen Dinge zu nutzen, die wir bislang stets aufgeschoben haben.
  • Im Laufe unseres Lebens sammeln wir viele Erinnerungen. Belebend kann es sein, in diesen zu schwelgen und unsere Geschichten mit anderen zu teilen.
  • Es kann auch befreiend sein, wenn wir uns nicht mehr allzu sehr an gesellschaftliche Bestimmungen halten müssen, und einfach so sein können, wie wir eben (geworden) sind. Der Kabarettist Josef Hader ist bekannt für seinen selbst ernannten „Altersgrant“. Und das Gute daran, er genießt ihn sogar, wie er in einem Interview mit der Allgemeinen Zeitung Mainz vom 08.11.2014 erklärte.

Sexualität kennt kein Alter – sie ist in jedem Lebensalter einzigartig und vielfältig.

Die starre Idee, dass Sexualität gleich Geschlechtsverkehr ist, schränkt uns ziemlich ein. Sexualität kann viel mehr. Sie ist im besten Falle die Fähigkeit, Lust durch körperlichen Kontakt (auch zum eigenen Körper) zu empfinden. Daher zählen auch Intimität, Zuneigung, Sinnlichkeit, Zärtlichkeit, erotische Fantasien und Träume dazu. Dieses Vermögen zu begehren, auf welche Art und Weise auch immer, besteht bei fast allen Menschen ein Leben lang.

Verschiedenste sexuelle Ausdrucksformen (Homosexualität, Bisexualität, Heterosexualität, Solosexualität) sind dabei bis ins hohe Alter möglich. Gelebte Sexualität unterscheidet sich auch kaum bei älteren und jüngeren Menschen. Einzelne Menschen sind froh, dass es vorbei ist, andere beklagen, dass sie es nicht mehr leben können, und wiederum andere entdecken ganz viel Neues, oder lieben unverändert weiter.

Gesellschaftliche Prägungen, wie z.B. moralische, religiöse und sexuelle Haltungen, sowie soziale Rollen beeinflussen unsere Vorstellungen und die gelebte Sexualität. Diese Werte sind abhängig von der Zeit und ändern sich in jeder Generation – mal mehr, mal weniger stark.

Zum Beispiel galt für Frauen früher eine Beziehung als gut, so lange sie nicht schlecht war. Und wenn Frauen so empfunden haben, dann war es für deren Partner*innen wohl auch nicht viel besser.

Außerdem verändern sich unsere Beziehungen in eine Richtung, in der wirtschaftliche oder andere Abhängigkeiten immer weniger wichtig werden. Dadurch haben wir als Gesellschaft die Möglichkeit zu betonen, wie wertvoll liebevolle Beziehungen frei von Gewalt für nachkommende Generationen sind. Es kommt Menschen nun zusehends darauf an, wie wir Beziehungen erleben. Auch bei älteren Menschen ungeachtet ihres Gesundheitszustandes steigt die Wichtigkeit von Zuneigung, Akzeptanz, Zärtlichkeit und Geborgenheit.

Wenn jemand das Glück hatte, bereits in früheren Jahren positive Erfahrungen in Bezug auf Sexualität gemacht zu haben, dann steht der Möglichkeit einer genussvoll erlebten Sexualität auch im Alter häufig nicht viel im Wege.

Lustvoll erlebte Sexualität im Alter bedeutet Lebensfreude

Wenn wir uns im Alter gesund fühlen – ganz unabhängig von unseren körperlichen Beeinträchtigungen – schätzen wir auch unsere Lebensqualität höher ein. (Paar-) Beziehungen und ein positiv erlebtes Sexualleben spielen dabei eine wichtige Rolle. Bereits in den 30er Jahren haben zwei Forscher*innen herausgefunden, dass innerhalb von Paarbeziehungen der Wunsch nach Solosexualität, also der Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse ohne die andere Person, und partnerschaftlicher Sexualität bis ins hohe Lebensalter gegeben ist. Wenn einem*r Sexualität im Alter wichtig ist, dann ist auch das Lebensgefühl ein positives. Dr. Doris Bach beschreibt, dass Sexualität im Alter eine „Insel der Gesundheit“ in einem Meer zunehmender kranker Anteile sein kann.

Weitere Gewinne der Sexualität im Alter können sich jedoch auch bzw. gerade durch die körperlichen Veränderungen ergeben. Durch die verlangsamten sexuellen Reaktionen im Alter ergibt sich mehr Zeit für intime Berührungen und den Austausch von Zärtlichkeiten. Die Hemmungen sind oftmals weniger stark ausgeprägt. Durch den Wegfall der Gedanken um Verhütung kann Spontanität leichter gelingen. Der Leistungsdruck fällt weg. Es lässt sich intensiver genießen.

Wenn wir also über den („normalen“) Wandel des Alterns Bescheid wissen, z.B. die körperlichen Veränderungen benennen können und nicht sofort als krankhaft beurteilen, könnten wir uns also tatsächlich richtig aufs Altern freuen. Denn so wie das Altern, also das Leben selbst, kann auch die Sexualität als Teil davon ein lebenslanger, bunter, überraschender Entwicklungsprozess sein.

Sexuelle Bildung ist ein Baustein für genussvolles & gesundes „Happy-Aging“

*eine ausführlichere Version dieses Artikels mit zahlreichen Literaturhinweisen könnt ihr hier als PDF hier downloaden.

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